1. Ökumenischer Gottesdienst am Buß- und Bettag mit Dialogpredigt

Ökumenischer Gottesdienst am Buß- und Bettag mit Dialogpredigt

| Pfarrei Grafenwöhr

Ein ganzes Jahr lang Reformation rauf und runter. Sogar am Buß- und Bettag, den die evangelischen Christen traditionell mit einer Beichte und dem Abendmahl feiern, wurde das erste Mal mit einem ökumenischen Gottesdienst begangen. Beim gemeinsamen Gottesdienst in der Mariä-Himmelfahrtskirche wurde der Buß- und Bettag ganz bewusst als Termin ausgewählt, weil auf die Folgen der Reformation geschaut werden sollte. "Und wir wollen dabei bußfertig sein - ganz eingedenk der ersten von Martin Luthers 95 Thesen an der Schlosslirche zu Wittenberg", sagte der evangelische Pfarrer Dr. André Fischer, in der Predigt, die auch etwas ganz besonderes war, nämlich in Form einer Dialogpredigt mit Pfarrer Bernhard Müller. "Dass es da genug zu büßen gibt auf beiden Seiten, haben wir vorhin gesehen", sagte dieser. Vor der Predigt wurde eine ganze Mauer der Trennung aufgebaut. Schlagworte, wie Hass, Hochmut, Diskriminierung und vieles mehr türmten sich aufeinander. Pfarrer Müller sprach von einer Trennung, die 450 Jahre lang das Leben der Menschen auch bei uns bestimmt hat, und die erst seit höchstens 50 Jahren allmählich überwunden wird.

Beide Pfarrer überlegten, wie die alte Trennung hergekommen sei. Es gehe letztlich um die Fragen: "Wie glaube ich richtig an Gott und wie verehre ich ihn richtig?" Dazu wurde Die Bibelstelle aus dem Johannes-Evangelium (Joh 4, 19-26) verlesen, als die Samariterin zu Jesus spricht und ihn fragt: "Wer glaubt richtig, Samariter oder Juden?" Beide glauben an den gleichen Gott; aber jeder auf seine Weise, an seinem Ort. Genauso sei es 450 Jahre bei den Evangelischen und Katholiken gewesen. Auch da spielte die Frage: "Wer glaubt richtig, wer glaubt falsch" eine immense Rolle im Alltag. "Überspitzt auf unsere Vorväter hier übertragen, könnte die Bibelstelle lauten: Unsere Väter haben in Mariä-Himmelfahrt und in St. Ursula und in der Mariä-hilf-Kirche angebetet, und ihr sagt, auch in der Michaleskirche könne man anbeten", so Pfarrer Müller.

Pfarrer Fischer erinnerte sich an viele alte Erlebnisse, die er bei Besuchen gehört hatte. Das Leben wurde früher gegenseitig oft schwer gemacht. "Luthrische wurden wir früher abschätzig genannt, Papisten war das Gegenschimpfwort. Auch die evangelische Überheblichkeit über die katholische Frömmigkeit kam zur Sprache. Schnell seien auch Weihwasser, Rosenkranz, Hinknien, Bekreuzigen und Marienverehrung verketzert gewesen. Wie wird Gott richtig verehrt, durch Bibellesen oder Rosenkranzbeten; in einer schlichten Kirche oder auf der Flurprozession?

"Das Heil kommt von den Juden. Wir wissen, was recht ist und ihr nicht. Das ist genau das, was jahrhundertlang unsere Konfessionen bestimmt und getrennt hat. Hier die Evangelischen und dort die Katholischen", sagte Pfarrer Müller. Und vor allem nur nicht über die Konfessionsgrenze hinweg heiraten. Damals ging es auch um ein hochheiliges Versprechen, mit Brief und Siegel, die Kinder im rechten Glauben zu erziehen. Doch Jesus überwindet den Gegensatz zwischen Juden und Samaritanern, zwischen richtigen und falschem Glauben. Er öffnet den Blick auf etwas neues. Entscheidend ist die Anbetung des Vaters im Geist und in der Wahrheit. Wenn wir Gott die Ehre geben und unser Leben auf ihn bauen und vertrauen, wird Gott richtig verehrt. An dieser Stelle wurde auch die ökumenische Fürbitte zitiert.

"Die Mitte unseres Glaubens ist Christus, der Sohn Gottes. Er ist das Haupt der Kirche, egal welchen Beinamen sie trägt: ob römsich-katholisch oder evangelisch-lutherisch", so Pfarrer Müller. "Wenn Christus das Haupt der Kirche ist, dann können wir als seine Glieder gar nicht anders, als zusammenarbeiten, wie beim Kleinen Dienst", entgegnete Pfarrer Fischer. Angesprochen wurden auch die vielen gemeinsamen Gottesdienste. Auf den Weg zur Versöhnung und Einheit gibt es viele Zeichen der Hoffnung. - Zitiert wurde von Pfarrer Fischer Kardinal Kurt Koch, der Vorsitzende des päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen: "Martin Luther ist für uns ein Zeuge des Glaubens." Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm hat am 30. Oktober unter dem Kreuz in der Friedenskirche eine Lutherrose gesteckt.

All das ist Ermutigung, daran festzuhalten, dass uns so unendlich mehr verbindet, als uns trennt. Wir sollen uns immer wieder unterm Kreuz versammeln, dem Ort, der uns Christen verbindet und zueinander Brücken bauen. Der Gottesdienst wurde musikalisch vom Chor "New Voices" unter der Leitung von Walter Thurn umrahmt. Nach dem Gottesdienst gab es Lutherkekse für die Gläubigen. 

Text und Bilder: Renate Gradl

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